Wachstumsschmerzen

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Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, heißt es.
Aber warum brechen wir dann nicht jeden Tag zu neuen Ufern auf?
Warum fällt es uns so schwer, uns ins Unbekannte aufzumachen?
Und warum tut der erste Schritt oft so weh?

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Kea von Garnier schreibt über Wachstumsschmerzen…
(Diese Gedanken veröffentlichte sie erstmals in ähnlicher Form in ihrem Blog thirtyplus.de )

 

Wachstumsschmerzen & Glaubenssätze

Wir glauben bestimmte Dinge über uns und das Leben:

  • Ich kann nicht kochen
  • Für eine Selbstständigkeit fehlt mir der Mut
  • Niemand in unserer Familie studiert
  • In meinem Alter findet man keinen Partner mehr
  • Mit meiner Figur kann ich mich dort nicht blicken lassen

All diese Glaubenssätze limitieren uns und halten uns klein. Warum haben wir sie überhaupt und warum ist es so schwierig, sie zu überwinden?

Ich glaube, das liegt daran, dass wir uns irgendwann einmal eine Identität zugelegt haben. Wir haben ein bestimmtes Bild von uns selbst im Kopf, das wir uns im Laufe des Lebens aneignen und von dem wir glauben, dass wir so sind. Die meisten dieser Überzeugungen sind wenig ermunternd, sie stecken unsere Grenzen ab und uns selbst in eine Schublade.
Aber sie geben uns auch ein bisschen Sicherheit.

In dem Moment, in dem wir beginnen, das zu tun, von dem wir glaubten, wir könnten es nicht – in diesem Moment sagt das Ego in uns: Du hast dich also geirrt. Das, was du jahrelang über dich geglaubt hast, ist gar nicht wahr. Und einerseits ist das natürlich euphorisierend, beglückend, berauschend – aber auf der anderen Seite tut es weh. Denn es bedeutet, dass wir erkennen müssen, dass wir uns jahrelang getäuscht haben. Wir tun eine ganze Menge, um diese Ent-Täuschung zu vermeiden, auch wenn das in manchen Fällen bedeutet, dass wir uns kleiner machen, als wir eigentlich sind.

Ich glaube, von genau diesem Mechanismus kommt es auch, dass wir über alte Menschen sagen: Das ändert er oder sie eh nicht mehr. Denn je älter wir werden, umso länger haben haben wir bereits mit unserer Täuschung gelebt. Umso mehr Jahre haben wir eine Wahrheit geglaubt, die gar nicht wahr ist. Und umso mehr schmerzt es, die alte Überzeugung loszulassen.

Reue bringt nichts.

Ich glaube nicht daran, dass wir vor 20 Jahren das hätten tun können, was wir heute können – wenn wir es hätten tun können, hätten wir es getan. Aus irgendeinem Grund war es nicht der richtige Zeitpunkt, die richtige Umgebung, der richtige Moment. Verbittert zu sein oder zu bereuen, Dinge versäumt zu haben, verändert die Vergangenheit nicht. Alles, was uns bleibt, ist aber der Moment. JETZT sind wir hier. Und JETZT können wir uns selbst anschauen und uns fragen: Stimmt dieser Gedanke über mich wirklich? Dann sollten wir furchtlos sein, auch wenn es nur eine winzig kleine Stimme in uns ist, die uns an dem, was wir über uns denken, zweifeln lässt. Dann sollten wir uns nicht scheuen, hinzuschauen und zu untersuchen, ob die Zeit gekommen ist, unsere Gedanken über uns selbst aufzugeben und ein neues Ich zu entdecken. Und das darf weh tun, das ist in Ordnung!

Sei sportlicher, erfolgreicher, erotischer.

Überall schreien uns Selbstoptimierungs-Aufforderungen entgegen. Als müssten wir immer heillos begeistert sein, wenn wir uns verändern.

Aber Veränderung tut – neben all dem Schwung, den sie bringt – auch weh. Die Veränderung ist ein Abschied, ein Abschied von unserem alten, vertrauten Ich. Egal, wie sehr es uns eingeschränkt hat, es war etwas vertrautes, es war unsere wohlbekannte Höhle, in der wir hausten. Wenn wir uns dort raus wagen, ist uns kalt und wir fühlen uns nackt und schutzlos. Wenn wir uns aus unserer Erstarrung lösen, das Eis um uns herum schmilzt, dann werden wir wieder weich, wie das Wasser. Diesen Moment der Verletzlichkeit, in dem das Bild, das wir von uns selbst haben, ins Wanken gerät – den dürfen wir nicht scheuen.

In der Pubertät haben Teenager Wachstumsschmerzen, sie werden zu einem neuen, anderen Ich, einem erwachsenen Menschen. Aber später verlangen wir von uns, dass wir uns freudig neuen Herausforderungen stellen, immer noch mehr wollen, uns andauernd verändern – innere Wachstumsschmerzen sind dabei nicht besonders en Vouge.

Sie haben in unserer Gesellschaft wenig Raum. Kontinuierliche Menschen sind bequem für ihr Umfeld, sie sind berechenbar und ihre Reaktionen planbar.
Aber sie sind nicht frei und authentisch, sie leben nur einen Entwurf von sich selbst, den sie irgendwann einmal festgelegt haben.
Für wen eigentlich?

Aber wenn wir die Gedanken, die wir über uns selbst geglaubt haben in Frage stellen, weichen unsere Grenzen auf, wir müssen dieses neue Ich erst langsam erobern. Nehmt euch Zeit dafür, lasst auch den Schmerz zu! Und genießt danach den Zauber des Neuen, den Wind, der nach Abenteuer riecht, dem aufregenden Risiko, euch neu zu entfalten. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich immer wieder neu erfinden kann – nutzt diese Möglichkeit! Nichts von dem, was ihr gestern über euch geglaubt habt, muss heute noch stimmen. Seid mutig genug, es zu hinterfragen, engt euch nicht selbst ein und macht es nicht anderen recht.

Ich liebe Menschen, die ihre Komfortzone verlassen, die nicht von einem Gestern auf ein Heute oder gar ein Morgen schließen, sondern die sich dem Fluss des Lebens überlassen. Wohlwissend, dass in der Freiheit immer auch ein bißchen Wehmut steckt.

Und die wissen, dass sie etwas Altes zurücklassen, aber dafür etwas Neues gewinnen.

Bis bald, Eure Kea

 

 Fotos, Illustrationen, Handschriftliches: Cornelia Hein

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