„Ich glaube inzwischen, dass Heimat überall sein kann“

Alltagswunder - Alltagswunder teilt gute Nachrichten, schöne Momente und wundersame Augenblicke. Sabina Berger, jungle, Dschungel, girl, hat, Mädchen, Hut, Sommer, summer
Sabina wollte eigentlich nie wieder nach Deutschland zurück, denn Australien war längst ihre neue Heimat geworden. Doch dann zwang sie das Schicksal zur Rückkehr – zum Glück!

Wie war dein Lebensweg bisher?

Unberechenbar, chaotisch und gefühlt oft sehr unfair.
Viele, viele Jahre habe ich mich gequält mit der Frage: Warum?
Warum hatte mich meine leibliche Mutter mit wenigen Wochen weggegeben?
Warum hatte mein Vater mich nicht zurückgeholt?
Warum hatten sie mich nicht abgetrieben, wenn sie beide mich doch offensichtlich nicht wollten?
Warum musste mich mein Vater jeden Tag anschreien?
Warum zwang mich mein Vater jeden Tag nach ihm zu hause, obwohl ich laut Jugendamt bei meiner Oma bleiben sollte?
Warum wurde mein Vater immer handgreiflich?
Warum sagte er mir immer wieder wie dumm ich sei und dass ich weggesperrt werden müsste?

Die Liste könnte lange so weitergehen. Zu meinem 18. Geburtstag machte ich jedoch den alles entscheidenen Cut: Ich lief von zu Hause weg und kehrte nie wieder um. Endlich war ich frei. Zum ersten mal gehörte mein Leben mir, niemand konnte mich zu irgendwas zwingen. Ich hatte wochenlang 5 Euro pro Woche zur Verfügung, aß jeden Tag ein paar Scheiben Toast, nahm über 10 Kilo ab und war glücklicher den je. Mit meinem 18. startete MEIN Leben. Mein erstes kleines Wunder.

Nach mehreren Jobs (u.a. Koch, Barkeeper, Event Manager) gründete ich meine erste Firma. Jung, unerfahren und die falschen Partner – nach 2 Jahren verließ ich die Firma. Ich hatte genug von Deutschland, von meinen Eltern, von Chefs und Partnern, von Freunden, die meine Situation nicht verstanden, und der Schlechtlaunigkeit und Material- und Klassensucht in München. Ich musste weg aus Deutschland. Ich verkaufte alles, meldete mich ab und flog im Mai 2010 mit 2 Kisten nach Australien.

Hier war das zweite Wunder, denn dies konnte ich nur mit Hilfe eines wahrhaftig gütigen Menschen tun. Ich bekam einen Neuanfang und glaubte wieder ein bisschen an das Gute im Menschen.

Mit dem Studium in der Tasche, dem Verlust meiner Oma, einem Wandel zum Veganismus und vielen neuen Freunden, war ich bereit, den Rest meines Lebens wie geplant in Australien zu verbringen. Doch dann kam die Nachricht, dass ich das falsche studiert hatte und ich nicht weiterhin in Australien bleiben durfte.

Es gibt jedes Jahr von der Regierung ausgegebene Listen, was für Jobs gesucht werden. Meiner war nicht dabei. Meine Welt brach zusammen, denn ich wollte nicht in das Land zurück, das mir so viel Leid zugefügt hat und nicht das Land verlassen, das inzwischen zu meiner Heimat geworden war. Ich gehörte nach Australien, nicht nach Deutschland. Aber es half nichts. Egal, was ich versuchte, ich musste zurück.

Im Mai 2014 landete ich in Berlin.
Ironischerweise am exakt gleichen Tag, an dem ich ausgeflogen war.
4 Jahre später. Wieder mit 2 Kisten Gepäck.

Da war ich nun, studiert, aber arbeitslos, in meiner 22qm Wohnung in Berlin. Mit einem Loch in meinem Herzen und dem schlechtem Beigeschmack meiner Kindheit im Hinterkopf. Hätte ich Geld für Alkohol gehabt, ich hätte mich jeden Tag betrunken. Allein sein ist nicht schön. Per Zufall fand ich beim stöbern auf Facebook eine vegane Gruppe. An jenem Morgen, ich weiß bis heute nicht was mich dazu trieb, postete ich: “Ich bin neu hier und kenne noch keine Veganer. Wer hat Lust einen Kaffee trinken zu gehen?” Aus den vielen lieben Antworten (ich war total verblüfft) wurde schnell ein Picknick auf dem mir unbekannten Tempelhofer Feld.

Und hier geschah es, mein drittes Wunder: Ein großer und sportlicher Kerl, der in einer Metal-Band spielt.

1 Woche später sind wir unzertrennlich.
4 Wochen später sind wir fest zusammen.
3 Monate später bin ich bei ihm eingezogen.
8 Monate später sind wir in die erste gemeinsame Wohnung gezogen.
12 Monate später haben wir uns einen Welpen ausgesucht.
15 Monate später sind wir verlobt.

Ich bin glücklich. Und ich glaube an Wunder.

Was sind Alltagswunder für dich?

Wunder sind für mich nicht klar definierbar. Sie kommen in allen Größen und Formen und mit verschiedenen Intensitäten.Dass ich meine Kindheit überlebt habe, ist für mich ein Wunder. Dass ich Deutschland wieder zu lieben gelernt habe, ist ein Wunder. Die Seele in den Augen meines Hundes, ist ein Wunder. Dass ich den für mich perfekten Mann gefunden habe, der alles möglich macht, ist ein Wunder. Die Auswahl an veganen Sachen in Berlin, ist ein Wunder.

Wie sieht dein Alltag aus?

Ingwer Tee. Dann Yoga. Dann Malen und Zeichnen. Die Küche verunstalten. Etwas Lesen. Mit der Kamera Bildern nachjagen. Mit Photoshop zaubern. Mit meinem Hund spielen. Dann Pärchenzeit. Ein Glas Wein. Kreatives Brainstorming. Bloggen. Dann Erholungsschlaf. So oder in ähnlicher Reihenfolge.

Wo finden die Wunder dich?

In meiner Wohnung, bei einer Gassirunde mit meinem Hund Chuck, in einem veganen Café oder bei www.fraufreund.de

Fotos: Amy Elizabeth, Cornelia Hein, Sabina Beger

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